Offenbarung: DIE INNOVATIONEN DER LETZEN 20 JAHRE WAREN FÜR DIE KATZ

Gestatten Sie die Frage, aber was ist eigentlich ein Auto?

Text: Lukas von Rantzau, Fotos: die Hersteller

Ein Auto? Ist doch klar, möchte man nach kurzem Grübeln entgegnen, ein Auto ist im Wesentlichen nichts anderes als eine Box auf Rädern, die Menschen und ihre Habseligkeiten möglichst komfortabel, effizient, sicher und schnell von A nach B bringt. Klingt gut?

Klingt gut. Ist aber falsch.

Denn, wenn dem so wäre, wären die automobilen Innovationen der vergangenen 20 Jahre fast vollständig für die Katz gewesen. In der oben beschriebenen Grundfunktion haben diese Innovationen das Auto kaum oder gar nicht verändert.

Welche ist die bessere Box auf Rädern?
Welches ist das bessere Auto?

Vor 20 Jahren waren Autos bereits ziemlich komfortabel, effizient, sicher und schnell. Sie verfügten sogar schon über Zentralverriegelungen, elektrische Fensterheber, Airbags und Klimaanlagen.

Was sie im Vergleich zu neueren Autos nicht hatten: Lichtorgeln als Blinker, Sicken und Kanten im Blech und Innenraumbeleuchtungen mit mindestens 64 wählbaren Farbtönen.

Im Jahr 1999 hatten Autos im Durchschnitt außerdem kleinere Felgen, keine Auspuff-Attrappen, weniger Turbolader und keine „Infotainment Systeme“. Waren Autos deshalb eine schlechtere Box auf Rädern? Haben diese Innovationen das Auto im wesentlichen, also in dessen Sein verbessert? Oder nur dessen Schein?

Als Selbstversuch zur Beantwortung dieser Frage kann das Museum jedem Besucher mit Nachdruck empfehlen, beim nächsten Südeuropa-Urlaub am Mietwagenschalter darauf zu bestehen, sich die Schlüssel zu einem Fiat Panda aushändigen zu lassen.

Freundlich und praktisch.
Weniger freundliche, weniger praktisch. Aber mit Ambient Light. Und Infotainment Bildschirm.

Der Fiat Panda nämlich hat die letzten 20 Jahre Innovation schlichtweg übersprungen. Bis auf sehr wenige, sinnvolle Ausnahmen, verfügt ein handelsüblicher Standard-Panda über rein gar nichts, was es nicht auch schon vor 20 Jahren gegeben hätte:

Anstatt eines Startknopfes, hat das Auto ein bewährtes Schlüsselloch neben dem Lenkrad. Anstatt eines „Infotainment-Systems“ verfügt er über ein, wie soll man es anders nennen, „Radio“. Anstelle von Einpark-Piepsern hat der Fiat Panda große Fenster und eine ausgezeichnete Rundumsicht.

Die meisten Fiat Pandas haben auch keine Turbolader, keine Doppelkupplungsgetriebe, kein „Ambient Light“, kein adaptives Fahrwerk und meist noch nicht Mal „Leichtmetallräder“.

Was meinen Sie, was davon würde Ihnen bei ihrem hypothetischen Südeuropaurlaub am meisten fehlen? Wir wagen die Hypothese: gar nichts.

Denn Anstatt mit Bling-Bling zu hypnotisieren, konzentriert sich der Fiat Panda darauf, eine möglichst gute, ehrliche Box auf Rädern zu sein: Er ist außen klein und innen groß, fährt überraschend leise und komfortabel, ist mit seinen 69 PS schnell genug, bremst und lenkt einwandfrei. Selbst vor Reisegepäck, drei Erwachsenen Passagieren und einem Baby kapituliert der Panda nicht.

Und auf die überaus bewährten Komfort- und Sicherheits-Erfindungen der 1990er Jahre wie Zentralverrieglung mit Fernbedienung, elektrische Fensterheber vorne, Front und Seitenairbags, ABS, ASR und ESP, sowie eine Klimaanlage muss im Fiat Panda niemand verzichten.

Außen klein, innen groß. Ohne Einparkhilfe parkbar.
Außen groß, innen klein. Ohne Einparkhilfe unparkbar.

Mehr noch, mit der makellos funktionierenden Start-Stop-Automatik und dem USB-Anschluss, dank welchem jedes Smartphone das Navigationssystem problemlos ersetzen kann, gibt sich der Panda sogar doch noch ein wenig modern.

Ist der Rest der Automobilindustrie also auf einem Irrweg? Warum, möchte man fragen, hat sich der Fokus der Innovation so vom Sein auf den Schein verlagert?

Wir finden darauf die folgende Antwort überzeugend: Ein Auto ist eben nicht nur eine Box auf Rädern. Fast noch wichtiger als seine selbstverständliche Funktion als Transportmittel, scheint die, des Autos als Statussymbol.

Autos sollen vor allem neu aussehen, genau richtig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, seine Fahrer in einem guten Licht erscheinen lassen. Und dafür, so hat die Autoindustrie scharfsinnig festgestellt, zählt der Schein mehr als das Sein.

Wir vom Transportmuseum geben zu, dass wir uns auch gerne blenden lassen, wünschen uns aber trotzdem eine Welt, in der Fiat Panda-Fahrer unter Automobilisten im besten aller Lichter erscheinen. Sie und ihre Pandas hätten das verdient.

Autor: Max Ohnmacht

Enthusiast for everything in motion, observer of the ways transportation forms and transforms society, Max Ohnmacht has taken on the post of director of the online-first-and-only Transport Museum (www.TRANSPORTMUSEUM.net).

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