Ausprobiert: DER BESTE ZUG DER DEUTSCHEN BAHN

„Bin ich hier im richtigen Zug?“, zusteigende Fahrgäste sind zunächst verwirrt.

Text & Fotos: Max Ohnmacht

Der beste Zug der Deutschen Bahn verkleidet sich als ICE, kam aber nicht als solcher zur Welt. Außen trägt er weißen Lack mit rotem Streifen. Innen aber offenbart sich dem Bahnreisenden ein Feuerwerk an Eleganz und Luxus, wie er es in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hätte!

Zunächst nichts besonderes. Ist doch ein ICE, oder nicht…? Denkste!

Fahrgasträume und Gänge sind mit Schweizer Birnbaumholz vertäfelt, die Decke mit gebürstetem Edelstahl verkleidet, die Sitzschalen in gebogenes Holz eingefasst, die Polster mit schwarzem Leder bezogen. Der Bezug auf Charles Eames Lounge Chair ist gewiss kein Zufall. Doch er hätte wohl nichts dagegen gehabt, denn dieser Zug ist nichts anderes als eine fahrende Lounge.

Wie bitte? So schön können moderne Züge sein? Wir wollen mehr davon!

Gefertigt wurde das Interieur von niemand geringerem als Deutsche Werkstätten Hellerau in Dresden. Die Qualität dieses Zuginnenraums ist unter Massentransportmitteln der Gegenwart, soweit wir wissen, konkurrenzlos.

Auch das Platzangebot ist üppig, zwei plus ein Sitz pro Reihe lassen genug Raum für breite Sitzflächen und einen geräumigen Gang. Für die Beine ist Platz zum Recken und Strecken und bald findet man sich so bequem auf seinen Sitz gelümmelt, dass man an das fünf Stunden entfernte Ende der Zugfahrt gar nicht denken möchte.

Das Wort „Fahren“ beschreibt die Fortbewegung dieses Zuges dabei unzureichend. Denn die Wagen schweben über die Schiene. Die Geräusche sind so gut gedämmt, dass man bei Dunkelheit nicht ganz sicher ist, ob der Zug wirklich fährt oder nur langsam übers Abstellgleis rollt. Doch meist fährt er. Und das mit einer Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h kaum langsamer als ein „echter“ ICE.

Holz wohin das Auge schaut. Schweizer Birnbaum, besonders chic.

Was hat es also auf sich, mit diesem Zug, der zu gut scheint um wirklich wahr zu sein?

Er ist das Überbleibsel eines Experimentes mit Namen „Metropolitan Express Train (MET)“. Die Deutsche Bahn unternahm es von 1999 bis 2004 auf der Strecke Hamburg-Köln.

Der Metropolitan war ein 1. Klasse Zug, welcher Geschäftsreisende aus dem Flugzeug auf die Schiene locken sollte. Er verkehrte bis zu vier Mal täglich, brauchte für sie weniger als dreieinhalb Stunden, hielt nur in Essen und Düsseldorf.

Damals verwöhnte der Zug seine Gäste sogar mit weiteren Annehmlichkeiten als den bequemen Lounge-Wagen. Die Bar bot abends Cocktails und ein kleiner, sogenannter „Business Snack“ war im Fahrpreis inklusive. Uns vom Museum, entfährt beim Gedanken daran unweigerlich ein Seufzer… Ist das wirklich wahr? Viel schöner können wir uns Bahnfahren auch nicht mehr vorstellen.

Dem aufmerksamen Beobachter fällt auf: Das ist kein IC. das ist kein ICE. Das ist ein ehemaliger Metropolitan.

Wie das Experiment ausgegangen ist, dürfte an dieser Stelle allerdings niemanden mehr überraschen: Es war ein Flop. Der Metropolitan erreichte über seine gesamte Betriebsdauer nur eine durchschnittliche Auslastung von etwa 35%. Zum wirtschaftlichen Betrieb wären mindestens 50% erforderlich gewesen.

Offensichtlich fuhren die Geschäftsreisenden doch lieber wie eh und je mit dem Taxi zum Flughafen, flogen mit der Lufthansa von Hamburg nach Köln und fuhren dann mit dem nächsten Taxi weiter in die Innenstadt.

Von Tür zu Tür waren sie dabei wahrscheinlich nicht eine einzige Sekunde schneller als mit dem Metropolitan und selbst in der besten innerdeutschen Business Class auch kein bisschen bequemer aufgehoben.

Ab dem Jahr 2001 war für eine gewisse Zeit selbst das für Geschäftsreisende enorm wichtige Sammeln von Miles & More Prämien- und Statusmeilen möglich. Doch selbst das verhalf dem Metropolitan nicht zum Durchbruch. Es konnten nicht genügend Flugpassagiere auf die Schiene geholt werden.

Ja, es gibt auch zwei 2. Klasse Wagen in gewöhnlicherem Ambiente. Genauso leise wie die anderen, aber nur halb so chic.

Ebenso waren nicht genügend ICE-Fahrer bereit für den formidablen Reisekomfort einen Aufpreis zu bezahlen. Wen wundert’s eigentlich, in einem Land in dem die Brüder Aldi lange Zeit den Titel die Krone „reichste Bürger“ trugen?

Doch der Metropolitan ist nicht ganz verloren gegangen. Die ehemals silbernen Zuggarnituren verkehren heute als reguläre ICEs. (Momentan z.B. als ICE 1193 / 1196 zwischen Berlin Ostbahnhof und Frankfurt am Main Flughafen Fernbahnhof.)

Heute ist nicht aller Tage. Wir kommen wieder. Keine Frage.

Nur zwei der luxuriösen Loungewagen zählen dabei zur 1. Klasse. Die anderen sind reguläre, zweite Klasse Bereiche, bieten aber denselben erstklassigen Komfort wie eh und je.

Das Transportmuseum urteilt: Sehr empfehlenswert, unbedingt mitfahren!

Autor: Max Ohnmacht

A hopeless enthusiast for everything in motion, a careful observer of the ways transportation forms and transforms society, Max Ohnmacht has taken on the post of director of the online-first-and-only Transport Museum (www.TRANSPORTMUSEUM.net).

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