Zahlen bitte: DIE SCHÖNE & DAS BIEST

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die größte Luftfahrtgesellschaft in ganz Europa?“, fragt Carsten Spohr.

„Die Lufthansa Gruppe hat die meisten Passagiere, aber Ryanair ist noch viel viel profitabler, als ihr.“, antwortet der Spiegel.

Text: Lukas von Rantzau

Die Lufthansa Gruppe und Ryanair haben den Wanderpokal „Europas größte Luftfahrtgesellschaft“ in den vergangenen Jahren hin und hergereicht. Vor kurzem haben beide Unternehmen ihre Geschäftszahlen für das Jahr 2018 vorgestellt. Anlass für das Museum, die beiden Jahresabschlussberichte genauer unter die Lupe zu nehmen. Schnell zeigt sich: viel unterschiedlicher als Ryanair und die Lufthansa kann man das Geschäft der Personenbeförderung per Flugzeug nicht betreiben.

Quellen: Lufthansa Unternehmensbericht 2018 und Ryanair Unternehmensbericht 2018

Erster Eindruck: Nicht alles was nicht glänzt, ist kein Gold

Lassen wir für einen Moment die beiden Geschäftsberichte nur optisch auf uns wirken:

Die Lufthansa setzt auf Hochglanz. Ryanair verzichtet auf eine Titelseite.

Gibt es eine Firma, welche das Mantra gnadenloser Effizienz konsequenter umsetzt als Ryanair? Das Erscheinungsbild des Jahresabschlusses legt den Schluss nahe: Nein! Konsequenter sparen geht nicht. Das 208 Seiten starke Dokument sieht aus, als hätte Michael O’Leary es selbst erstellt. Mit Microsoft Word 2000.

Ganz anders der Bericht der Lufthansa. Beim Scrollen durch das pdf-Dokument riecht selbst ein matter Bildschirm nach Hochglanz! Wie viele Mannstunden wohl allein in die Gestaltung der Titelseite geflossen sind? Die Lufthansa ist und bleibt eitel.

Profitabilität: Deutscher Magerquark, irische Butter

Beim Blick auf die wichtigsten Kennzahlen fallen auf den ersten Blick erstaunliche Ähnlichkeiten ins Auge:

Beide Unternehmen haben im letzten Jahr in etwa gleich viele Passagiere transportiert. Bei der Lufthansa waren es 142 Millionen, bei Ryanair 130 Millionen.

Und auch die Gewinne, welche beide Firmen mit ihrem Passagiergeschäft erzielt haben, liegen dicht beisammen. 2,2 Milliarden Euro waren es bei der Lufthansa und damit 15,48 € pro Passagier. Bei Ryanair waren es insgesamt 1,61 Milliarden Euro Gewinn, das entspricht 12,38 € pro Passagier. (Gewinne jeweils vor Steuern)

Doch nun zeigen sich große Unterschiede: Die Lufthansa brauchte zur Erzielung dieses Gewinns nämlich 27 Millarden Euro Umsatz (Lufthansa, SWISS, Austrian und Eurowings inkl. Brussels Airlines), und damit fast vier Mal so viel wie Ryanair, die es auf nur 7,15 Millarden umgesetzte Euro brachte.

(Quelle: Unternehmensberichte 2018) LUFTHANSA RYANAIR
Passagiere (Mio) 142 130
Umsatz (€ Mrd) 35,84 7,15
Gewinn (€ Mrd, vor Steuern) 2,84 1,61
Umsatzmarge 6,0 % 20,3%

Das heißt, Ryanair behält von jedem umgesetzten Euro (cremige!) 20 Cent. Bei der Lufthansa sind es nur (magere!) 6 Cent. Die Iren sind also mehr als drei Mal effizienter darin, durch die Beförderung von Personen in Flugzeugen Gewinne zu erwirtschaften als die Deutschen! Nicht weniger als ein himmelweiter Unterschied!

Für das Museum stellt sich damit folgende Frage: Wie kann es sein, dass Ryanair, mit viel günstigeren Tickets, viel mehr Geld verdient als die Lufthansa?

Spurensuche: Wieso ist Ryanair eigentlich so viel profitabler als die Lufthansa?

Beginnen wir unsere Spurensuche auf der Einnahmenseite.

(Quelle: Unternehmensberichte 2018) LUFTHANSARYANAIR
Durchgeführte Flüge 1.228.920 Ca. 700.000
Umsatz / Flug (€) 29.164 10.214
Gewinn / Flug (€) 2.311 2.300

Als Bezugsgröße wählen wir die Zahl der Passagiere, welche mit ihren Ticketkäufen den Umsatz Flug für Flug auf das Konto von Lufthansa und Ryanair überweisen.

Die Lufthansa Gruppe hat im Jahr 2018 etwa doppelt so viele Passagierflüge durchgeführt wie Ryanair, 1,2 Millionen versus ca. 700.000 (Ryanair nennt keine genaue Zahl).

Die Lufthansa hat so durchschnittlich mit jedem Flug etwa 30.000 € umgesetzt und an jedem Flug etwa 2.300 Euro verdient. Ryanair setzte mit jedem Flug im Durchschnitt nur 10.000 € um, also ein Drittel des Wertes der Lufthansa, verdiente aber genauso viel wie die der Deutsche Konzern: 2.300 Euro.

Der niedrigere Umsatz ist schnell erklärt: Ryanair Tickets sind im Durchschnitt deutlich günstiger als die der Lufthansa. Außerdem bedient Ryanair keine Langstreckenrouten und verkauft anders als die Lufthansa keine teuren Business- und First Class Tickets.

Was aber verwundert ist, dass obwohl die Passagiere im Durchschnitt nur ein Drittel bezahlen, Ryanair genauso viel Geld mit jedem Flug verdient, wie die Lufthansa.

Diagnose 1: Bei selber Auslastung wäre die Lufthansa fast so profitabel wie Ryanair

Ryanair prahlt gerne mit seiner rekordverdächtig hohen Auslastung. Im Durchschnitt sind bei den Iren 95% aller Sitzplätze belegt. Bei der Lufthansa sind es nur 81,4%. Ein Unterscheid von deutlich über 13%.

Nehmen wir einmal an, die Lufthansa könnte ihre Flugzeuge auch zu 95% füllen, ohne dass dies Mehrkosten verursachen würde. (Die Sitze sind ja eh an Bord, egal ob besetzt oder nicht.)

In diesem hypothetischen Fall würden die 13,6% Mehreinnahmen direkt auf den Gewinn durchschlagen und die Umsatzmarge erheblich anheben. Auf 18,9% um genau zu sein. Der Unterschied zu Ryanair betrüge dann nur 3,6%. Auslastung ist also für die Profitabilität einer der entscheidenden Faktoren!

(Quelle: Unternehmensberichte 2018) LUFTHANSARYANAIR
Auslastung 81,4% 95,0%
Differnz zu Ryanair 13,6%   /
Mehreinnahmen bei Ryanair-Auslastung (€) 3.966   /
Umsatz bei Ryanair-Auslastung (€) 33.130   /
Gewinn bei Ryanair-Auslastung (€) 6.277   /
Marge bei Ryanair-Auslastung (€) 18,9%  20,3%

Natürlich hat die niedrigere Auslastung der Lufthansa mit dem grundlegend anderen Geschäftsmodell einer Linienfluggesellschaft zu tun. Gerne wird angeführt, dass die fünf Langstreckenhubs von Lufthansa, Swiss und Austrian einen Linienbetrieb erfordert, der Passagiere pünktlich zu ihren Anschlussflügen bringt, auch zu Uhrzeiten, zu denen sich das Flugzeug nicht zu 95% füllen lässt.

Dies entschuldigt aber nicht, dass Eurowings eine ebenso geringe Auslastung aufweist wie der Rest der Gruppe. Außerdem beweist SWISS, dass es besser geht und erzielt mit 82,8% den Gruppenbestwert. Wenn 95% für die Lufthansa vielleicht utopisch sein mögen, Luft nach oben ist sicher noch reichlich.

Diagnose 2: Mit derselben Kostenstruktur wäre die Lufthansa dreimal so profitabel wie Ryanair

Werfen wir als nächstes einen Blick auf die Kosten beider Unternehmen.

Als Bezugsgröße wählen wir nun die von beiden Gesellschaften 2018 erbrachten, sogenannten Sitzkilometer, also die Anzahl der Kilometer, welche alle buchbaren Sitze zusammengerechnet durch die Luft geflogen wurden.

Die Lufthansa gibt die erflogenen Sitzkilometer mit 349.489 Millionen an. Für Ryanair musste das Museum eigene Berechnungen anstellen und ermittelte einen Wert von etwa 150.000 Millionen Kilometern, also etwa 44% des Wertes der Lufthansa. Auf den durchschnittlichen Flug gerechnet ergeben sich so wieder recht ähnliche Werte: die Lufthansa erfliegt pro Flug etwa 284.000 Sitzkilometer, Ryanair kommt auf ca. 225.000 (was für die 189 Sitze zählenden Boeing 737 von Ryanair einem Flug von etwa 835 km Länge entspricht).

Ausgehend von unseren oben ermittelten Umsätzen und Gewinnen pro Flug, ergeben sich damit für die Lufthansa Kosten von etwa 9,4 Cent pro Sitzkilometer. Ryanair kommt mit nur 3,5 Cent pro Sitzkilometer auf einen deutlich kleineren Wert!

Stellen wir ein weiteres Gedankenexperiment an: Was wäre, würde die Lufthansa ihre Kosten auf den Ryanairwert senken und dabei Auslastung und Umsatz konstant halten? Sie käme auf eine Traummarge von ca. 66%! Ryanairs Kostenvorteil wiegt also noch schwerer als der Auslastungsvorteil!

(Quelle: Unternehmensberichte 2018) LUFTHANSARYANAIR
Jahres-Sitzkilometer (Millionen)349.489157.816
durchschn. Kosten pro Sitzkilometer (€)0,0940,035
durchschn. Kosten pro Flug (€) 26.853 7.914
Kosten pro Flug mit Ryanair Kostenstruktur9.983
Marge mit Ryanair Kostenstruktur65,8%

Die Kostenunterscheide zwischen den beiden Fluggesellschaften haben (natürlich wieder) viele Gründe. Die Lufthansa beschäftigt deutlich mehr Personal als Ryanair. Auch bezahlt sie ihr Personal deutlich besser. Und Langstreckensitzkilometer sind per se etwas teurer als die auf der Kurzstrecke, nicht zuletzt wegen der bereits erwähnten Kabinenklassen.

Nicht ganz ersichtlich ist allerdings, warum die Lufthansa Gruppe eine Flotte von 13 unterschiedlichen Flugzeugtypen betreiben muss, Tendenz steigend! Die Anzahl der von Ryanair betriebenen Flugzeugtypen beträgt im Gegensatz dazu: genau 1. (Siehe Titelbild)

Diagnose 3: Die Lufthansa emittiert 3 Mal mehr CO2, als Ryanair

Ryanair wurde jüngst als einziges nicht-Kohlekraftwerk in die Top 10 der größten CO2 Emittenten der Europäischen Union aufgenommen. Etwa 10 Millionen Tonnen im Jahr gehen auf das Konto der irischen Fluggesellschaft, minimal weniger als das neuntplatzierte Kohlekraftwerk Kraftwerk Boxberg IV in der Oberlausitz verantwortet.

Es überrascht deshalb, dass auf Seite 211 des Lufthansa Berichtes der CO2 Ausstoß der Lufthansa Gruppe für das Jahr 2018 auf insgesamt 32,6 Millionen Tonnen angegeben wird, mehr als drei Mal soviel wie Ryanair. Im Shame-Ranking der größten Verschmutzer der Europäischen Union gebührte der Lufthansa damit im Schatten des polnischen Braunkohlekraftwerks Belchatow eigentlich der zweite Platz. Doch im der Klimakiller-Liste fehlt von der Lufthansa jede Spur.

Der Grund: Nur innereuropäische Flüge werden im Shame-Ranking der EU berücksichtigt. Und mit denen stößt die Lufthansa nur unauffällige 4 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre.

Natürlich wirkt es zunächst etwas zynisch, wenn Ryanair sich in einem selbst veröffentlichten Report neuerdings mit dem Titel „Europe’s Greenest Airline“ schmückt. Doch die Effizienz des Unternehmens ist tatsächlich schwer zu leugnen.

Auf den Passagierkilometer umgerechnet erzielt Ryanair derweil nämlich einen CO2 Ausstoß von 66,7 Gramm. Bei der Lufthansa sind es mit 115,6 Gramm pro Passagierkilometer fast doppelt so viel.

(Quelle: Unternehmensberichte 2018) LUFTHANSA RYANAIR
CO2 Ausstoß (Millionen) 32,6 t 10 t
Passagierkilometer (Millionen) 284.484 149.925
CO2 Ausstoß je Passagierkilometer 114,59 g 66,7 g

Fazit: Die richtigen Scheiben voneinander abschneiden.

Beide Fluggesellschaften entsprechen der Idealvorstellung des Museums leider nicht. Denn: Wir wünschen uns eine Gesellschaft welche sowohl effizient wirtschaftet, als auch guten Service bietet. Die Beispiele Lufthansa und Ryanair scheinen dies in ihrer momentanen Ausprägung allerdings gegenseitig auszuschließen. Doch muss das wirklich so sein?

Herr O’Leary, die Effizienz von Ryanair ist anhand der vorgelegten Zahlen nicht zu leugnen und beeindruckt. Aber muss diese unbedingt auf Kosten der Zufriedenheit der Passagiere erkauft werden? Einmal in etwas hübschere Designs investieren kostet nicht viel und wirkt lange nach. Selbes gilt für eine menschenwürdige Gestaltung der Internetseite. Kleine Stellschrauben, zugegeben, doch wir fänden das einen guten Anfang.

Herr Spohr, unsere Herausforderung an Sie ist: erhöhen Sie die Auslastung um nur 2% und reduzieren Sie die Kosten pro Sitzkilometer um einen Cent – und zwar unter der Nebenbedingung, dass dabei die Servicequalität nicht leidet! Wir glauben nach wie vor: Es muss doch möglich sein, sowohl die Passagiere, als auch die Investoren zufrieden zu stellen. Sie nicht auch?

Autor: Max Ohnmacht

Enthusiast for everything in motion, observer of the ways transportation forms and transforms society, Max Ohnmacht has taken on the post of director of the online-first-and-only Transport Museum (www.TRANSPORTMUSEUM.net).

Ein Gedanke zu „Zahlen bitte: DIE SCHÖNE & DAS BIEST“

  1. Höchst interessant.

    Der ‚Westentaschen-Ludwig Erhard‘ in mir kommt beim Thema ‚Effizienz‘ natürlich nicht umhin anzumerken, daß mehr menschenwürdiger bezahltes Personal einzig unter betriebswirtschaftlichen Aspekten ein Manko darstellt. Von anderer Warte aus betrachtet ist eine größere, besser entlohnte Belegschaft durchaus erstrebenswert (was man natürlich wahlweise als Sichtweise à la Henry Ford oder sowjetische Planwirtschaft ansehen darf).

    Der ‚Westentaschen-Al Gore‘ in mir wiederum kommt nicht umhin zu bemerken, daß Ryanair & Co mit ihren teilweise obszön günstigen Preisen einen eigenen Markt geschaffen haben. Mal eben zum Golfen nach Malle zu fliegen ist jedenfalls kein angestammtes Privileg der deutschen oberen Mittelschicht, sondern ein Usus, der dem Umstand geschuldet ist, daß Malle eben oftmals ‚günstiger‘ gelegen ist als Kassel – jedenfalls wenn man den einen Ort per Billigflieger und den anderen per ICE zum vollen Preis ansteuert.

    Es ist natürlich schön, daß die Fliegerei kein Privileg der Privilegierten ist. Dennoch sollte der Preis des Reisens in halbwegs vernünftiger Relation zum dadurch verursachten Schaden stehen. Das gleiche gilt natürlich für die allseits beliebten Kreuzfahrten.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s